Hochschule für Kriminelle
(Fortsetzung)
Wenn man jedoch diese Tatsache zu anderen in Beziehung setzt, bringt man Licht ins Dunkle.
In vielen Büros haben viele Menschen unter vielen Vorgesetzten viele Jahre lang Statistiken über Verbrechen gesammelt. Es ist zweifelhaft, ob die tabellarisierten Ergebnisse dafür gedacht sind, irgendwelche bessere Ordnung in der Welt zu schaffen. Die Absicht dieser Zahlen und Prozente ist hauptsächlich, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß Menschen solche Dinge auflisten und daß somit viele Überlegungen, Energie und Resultate erreicht und gehortet werden. Als Gegenleistung dafür wird die Bezahlung von Gehältern aus der Staatskasse erwartet.
Daß mit diesen Zahlen etwas angefangen werden kann, scheint recht offensichtlich. Somit wäre die logische Frage: Warum wird nichts getan?
In etwa erfahren wir, daß heutzutage der Kriminelle in der großen Mehrheit 18 bis 24 Jahre alt ist.
Mit angewandter Menschlichkeit ist es vielleicht möglich zu verstehen, weshalb ein 18jähriger Junge sich dem Verbrechen zuwendet. Könnte es sein, daß es unmittelbar damit zusammenhängt, daß die Gesellschaft sich wünscht, er wäre niemals geboren worden?
Oh, sicher nicht das! Das ist viel zu offensichtlich. Derartige Dinge müssen in vielsilbigen Sätzen formuliert werden, von Menschen, die mit akademischen Graden so überladen sind, daß sie pro Tag 10 Stifte verbrauchen, allein um mit ihrem Namen zu unterschreiben.
Sicherlich kann es für die wertlose Aussage, daß alle wahren Dinge die einfachsten sind, keine Grundlage geben.
Aber nehmen wir doch einmal an, daß eine gewisse Wahrheit darin steckt.
Der einzelne Mensch schaut den Rest der Gesellschaft verschwommen an. Er ist für sich selbst klar, wichtig und eine Einheit in sich selbst. Aber zufälligerweise glaubt er, daß alle Menschen um ihn herum anders sind als er. Die sind alle zusammengebunden, und er ist die einzige Person auf der Welt, die völlig allein ist.
Und weil er während mehr oder weniger 70 Jahren in seiner eigenen fleischlichen Hülle leben muß, weiß er, daß er sie mit einem tyrannischen Verstand teilen muß, der sich gefährlich nahe am Ende seiner Nase befindet.
Deshalb beschuldigt er sich nie selbst für irgend etwas. Wenn er ein Beil in den Kopf seines Erstgeborenen schlägt, seine Frau erwürgt, die Frau seines besten Freundes vergewaltigt und dann für die Flucht das Kapital seiner Firma veruntreut, ist er felsenfest davon überzeugt, wenn er es aller Welt erzählt, daß er unterdrückt worden ist.
Wenn sie das neue Auto ihres Gatten nimmt und einen Kotflügel verbeult während sie es wieder in die Garage stellt, bekommt sie einen Wutanfall, wirft Dinge durch die Gegend und fühlt sich mißhandelt, wenn ihr Ehemann auch nur milde warnt, sie möge doch das nächste Mal etwas vorsichtiger sein.
Was für Gedanken hat dann wohl ein 18jähriger Jugendlicher, wenn seine Eltern einen derart erstaunlichen Mangel an gesundem Menschenverstand zeigen?
Im Alter von fünf Jahren hat man ihn in eine Schule gebracht. Dort hat man ihm, neben dem Alphabet, beigebracht, daß er aufwachsen würde, um ein bedeutender Bürger dieser Welt zu sein. Zuhause wird gewöhnlich erwartet, daß er es zu etwas bringt, sobald er „groß geworden ist“.
Diesen harmlos erscheinenden Virus trägt er bis in seine Teenagerjahre mit sich herum, und wenn er nahe dem Erwachsensein ist und einen bedeutenden Platz an der Sonne einnimmt, läßt er diese Keime soweit brüten, daß es keine Hoffnung für eine Impfung gegen sie gibt.
Und dann, mit 16, 17 oder 18, türmt sich die rohe Wahrheit wie eine Betonmauer vor ihm auf, und er rennt in sie hinein und verletzt sich dabei.
Eine übelkeiterregende Dosis Erfahrung hat ihm beigebracht, daß es auf der ganzen Welt nur zwei Menschen gibt, die sich überhaupt dafür interessieren, ob er lebt oder stirbt. Er kann sich aber nicht immer auf seinen Vater und seine Mutter stützen, um dieses notwendige Gefühl von Wichtigkeit zu bekommen.
Daraufhin passieren verschiedene Dinge, die von Fall zu Fall nie identisch sind. Eine dritte Person macht ihm schöne Augen, und er hätte gern ein bißchen Geld, was ihm aber auf dem normalen Weg verweigert wird, denn die Gesellschaft bemüht sich nicht, ihm einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Er möchte seinen Freunden bedeutend oder tapfer erscheinen. Er hat einen wirklich dringenden Bedarf an Geld, und er ist hungrig oder friert.
Darin besteht im Moment das ganze Ausmaß seiner Kriminalität. Er ist jung und hat deshalb noch nicht die langwierige und schmerzliche Erfahrung gemacht, daß das leichteste Geld mit härtester, schweißtreibender Arbeit verdient wird. Er sieht sich nicht als ein Teil der Gesellschaft. Er ist ein Individuum und braucht etwas.
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